|
Die betriebliche Einarbeitung
neuer Mitarbeiter:
Ein Phasenmodell
PD Dr. Sven Schneider
(Die Orginalfassung dieses im Jahr 1999 veröffentlichten
Beitrages können Sie inkl. zitierfähiger Quellenangabe und Literaturverzeichnis
unter dem Menüpunkt "Textanforderung"
bestellen. Die folgenden Inhalte sind
geistiges Eigentum des Autors, Wiedergabe nur gegen Zitat der Originalquelle.)
Abstract:
Der Beitrag stellt zum einen die soziologische wie betriebswirtschaftliche
Bedeutung des betrieblichen Einarbeitungsprozesses dar. Zum anderen
entwickelt der Autor aus verschiedenen empirischen und theoretischen
Quellen ein Phasenmodell, das die betriebliche Einarbeitung als Phasenmodell
mitsamt den typischen Konflikten beschreibt.
Vorbemerkungen:
Der Prozeß der betrieblichen Einarbeitung neuer
Mitarbeiter nicht nur eine unternehmens-individuelle Herausforderung,
sondern ein persistentes Massenphänomen. Die bedeutenden Kosten
und das hohe Fluktuationsrisiko während der Einarbeitung unterstreichen
die betriebswirtschaftliche Bedeutung eines geglückten Einarbeitungsprozesses.
Der vorliegende Beitrag umreißt den betrieblichen Sozialisationsprozeß
in seinen Grundzügen und exemplifiziert typische Einarbeitungskonflikte.
3,3 Millionen Arbeitsvermittlungen konnten die bundesdeutschen
Arbeitsämter für das Jahr 1995 melden. Darin nicht enthalten
ist die nicht unerhebliche Anzahl von Stellen- und/oder Berufswechslern
des Jahres 1995, die auf dem Wege von Initiativbewerbungen, innerbetrieblichen
Ausschreibungen, Stellenanzeigen, informellen Kontakten u. ä.
auf die Hilfe des Arbeitsamtes nicht angewiesen waren. Im gleichen
Berichtszeitraum standen rund 500.000 Auszubildende mit bestandener
Abschlußprüfung sowie 230.000 Hochschulabsolventen bereit,
ebenfalls in den Arbeitsmarkt zu penetrieren.
Diese Zahlen belegen (exemplarisch für das statistisch
letztverfügbare Jahr 1995), daß die betriebliche Einarbeitung
neuer Mitarbeiter nicht nur ein unternehmens-individuelles, sondern
ein persistentes Massenphänomen darstellt. Dies unterstreicht
einerseits die soziologische Relevanz des betrieblichen Einarbeitungsprozesses.
Doch nicht nur aus der genuin soziologischen Perspektive des Sozialisanden,
sondern auch aus der betriebswirtschaftlichen Perspektive der Sozialisationsinstanz
- d.h. aus der Sicht des Unternehmens - ist der Prozeß der betrieblichen
Einarbeitung (oder genauer: Sozialisation) sehr bedeutsam.
So wird es vor allem auf eine mißglückte
Einarbeitung und Eingliederung zurückzuführen sein, daß
mehr als 40% aller Kündigungen im Verlauf der ersten 12 Monate
nach Stellenantritt ausgesprochen werden. Die damit verbundenen, nicht
unerheblichen Kosten dieser Mitarbeiterfluktuation (im Intervall von
50% bis 200% eines Jahresgehaltes) unterstreichen ebenfalls die betriebswirtschaftliche
Relevanz.
1 Die betriebliche Einarbeitung
als Phasenmodell
Kasper definiert die betriebliche Sozialisation als
den "Prozeß der Aneignung der in einem Betrieb verbindlichen
Kenntnisse, Fähigkeiten, Werte, Normen, Einstellungen, Deutungs-
und Verhaltensmuster." Von der betrieblichen Sozialisation zu unterscheiden
ist die berufliche Sozialisation, also die Internalisierung berufstypischer
Verhaltens- und Wertmuster, unterteilt in die Sozialisation für
den Beruf (Schulische Sozialisation, schichtspezifische Sozialisation,
"Sozialcharaktere") in die Sozialisation in den Beruf (Studium,
Ausbildung) und die Sozialisation im Beruf (allgemeiner beruflicher
(nicht unternehmensspezifischer) Habitus, bspw. die "Buchhaltermentalität").
Die betriebliche Sozialisation verläuft in interindividuell
typischen Phasen, die verschiedene Autoren (Pascale (1985), Kieser
(1985), Neuberger (1991)) in unterschiedlichen Modellen zu systematisieren
suchten:
Pre-Entry-Phase: Die Pre-Entry-Phase oder die
Vor-Eintritts-Phase bezeichnet den Zeitabschnitt bis zum ersten Arbeitstag
im neuen Unternehmen. Sie beinhaltet also die Recherche des Bewerbers
über das Unternehmen, seine ersten Erfahrungen und Kontakte im
Rahmen des Auswahlverfahrens, in Telefonaten und Gesprächen mit
dem potentiellen Arbeitgeber. "Personen suchen sich "passende" Organisationen,
passen sich ihnen an", ziehen aufgrund ihrer antzipierten Erfahrungen
in dieser Phase ihre Bewerbungen zurück oder forcieren ihre Bemühungen.
Realiter liegt die Entscheidung über Einstellung oder Ablehnung
aber oft auf der Seite des Stellenanbieters, zumal derzeit in den
meisten Arbeitsmarktsegmenten ohnehin ein Nachfrageüberhang resp.
ein Angebotsdefizit das Marktgeschehen bestimmt (Verkäufermarkt).
Dabei gelte der unausgesprochene Grundsatz, eine überraschungsarme
Reproduktion der Belegschaft zu sichern.
Entry-Phase: Die betriebliche Sozialisation im
engeren Sinne beginnt mit dem Eintritt des Arbeitnehmers in das neue
Unternehmen. Dabei ist der Eintritt in das neue Unternehmen und die
Einnahme der neuen Arbeitsstelle kein allmählicher, gleitender
Übergang, sondern in den meisten Fällen eine schlagartige
Verpflanzung in eine neue Umwelt. Enkulturation und Sozialisation
qua Internalisaierung in dieses neue Sozialsystem verläuft daher
in den allermeisten Fällen nicht reibungslos, sondern ist aus
der Sicht des Stellenwechslers oft mit Ängsten, kognitiven Dissonanzen
und massiver Verunsicherung verbunden.
Diese von dem Stellenwechsler zu erwerbenden arbeitsstellenspezifischen
Normen und die dazugehörigen formalen und informalen Regeln sind
außerdem eingebettet in und mitbestimmt durch die mehr oder
weniger bedeutsame corporate culture - die Unternehmenskultur. Unternehmenskultur
meint dabei die Summe der unternehmensintern kollektiv geteilten und
praktisch gelebten Perzeptions-, Denk- und Handlungsmuster aller Unternehmensmitglieder.
Es beinhaltet das gemeinsam geteilte Geschäftsgebahren sowie
die unternehmensspezifische Sprache, ihre Riten, Mythen und Bräuche.
Den ersten Veröffentlichungen in den 80er Jahren zur Unternehmenskultur
japanischer Unternehmen folgte eine "Japaneuphorie", die die volle
Enkulturation des Individuums in die Unternehmenskultur postulierte.
Diese überwiegend positive Adaption ("Wir sitzen alle im selben
Boot". "Wir sind eine große Familie") ist in der Literatur mittlerweile
(bereits lange vor der Asienkrise) jedoch einer eher nüchternen
Betrachtungsweise gewichen. Dazu exemplarisch Wächter kritisch:
"Die exzellenten Unternehmen bieten (...) ihren Mitarbeitern sehr
ausgeprägte Firmenkulturen, die nur eine Alternative zulassen:
sich voll in diese Norm einzufügen oder auszuscheiden. (...)
Für den Mitarbeiter der exzellenten Unternehmung kann es somit
kein Außen, nicht wirklich Privates außerhalb der Organisation
mehr geben. Identifikations- und Motivationsleistungen, die den einzelnen
abgefordert werden, füllen ihn so aus, daß er die ganze
Welt nur noch aus der Perspektive "seines" Unternehmens sieht."
Unternehmen reagieren auf diese Destabilisierung des
innerbetrieblichen Sozialsystems mit verschiedenen mehr oder weniger
geeigneten Induktionsstrategien: Man unterscheidet methodisch reflektierte
(Trainings on the job, Training off the job, Trainee-Programme) und
eher improvisierte Ad-hoc-Strategien ("ins-Wasser-werfen", Schonstrategie,
"Grenzen aufzeigen"). Aus der Konfrontation mit der neuen Umwelt ergeben
sich oft typische Konflikte. Kieser fand im Rahmen einer empirischen
Studie zehn typische Konfliktarten, von denen er sechs als "besonders
wichtig" herausstellt:
>>>weiter
|
|