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Aggressionen und Gewalt
an Schulen -Präventions-
und Interventionsmaßnahmen für Lehrer
PD Dr. Sven Schneider
(Die Orginalfassung dieses im Jahr 2000 veröffentlichten
Beitrages können Sie inkl. zitierfähiger Quellenangabe und Literaturverzeichnis
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1 Einleitung
"Zwei Jahre lang war der ruhige 13jährige Jonny ein
menschliches Spielzeug für einige seiner Klassenkameraden. Die Teenager
erpreßten von Jonny Geld, zwangen ihn, Zigaretten zu essen und eine
Mischung aus Milch und Reinigungsmitteln zu trinken, verprügelten
ihn im Aufenthaltsraum und banden ihm einen Strick um den Hals, um ihn
als Tier herumzuführen. Nach den Tyrannisierungen befragt, antworteten
Jonnys Peiniger, daß sie ihr Opfer quälten, weil es "Spaß
machte"" (Olweus 1993, 7).
Mit derartigen, oft aber auch subtileren Manifestationen
aggressiven Verhaltens sind Lehrer im Schulalltag immer wieder konfrontiert.
Der vorliegende Beitrag zeigt die Entstehungsbedingungen aggressiven Verhaltens
in systematisierter Weise auf, faßt den Forschungsstand soziologischer
und psychologischer Aggressions- und Gewaltforschung zusammen und zeigt
wirksame und im schulischen Kontext einfach realisierbare Ansatzpunkte
zur Prävention, Intervention und Kontrolle schulischer Gewalt auf.
2 Definition und Skizzierung des Forschungsstandes
Hurrelmann definiert schulische Gewalt als "das Spektrum
von vorsätzlichen Angriffen und Übergriffen auf die körperliche,
psychische und soziale Unversehrtheit, also Tätigkeiten und Handlungen,
die physische und psychische Schmerzen oder Verletzungen bei Schülern
und Lehrern innerhalb und außerhalb des Unterrichtsbetriebes zur
Folge haben können. Gewalt an Schulen umfaßt auch Aktivitäten,
die auf Beschädigung von Gegenständen im schulischen Raum gerichtet
sind" (Hurrelmann 1991, 103). Angesichts des hier vorliegenden Explanandums
erscheint diese umfassende Gewaltdefinition als adäquat, da sie auch
Beleidigungen, Intrigen und soziale Isolation impliziert. Trotzdem soll
das in der Literatur kontrovers diskutierte Problem einer eindeutigen
Abgrenzung samt der zahlreichen Klassifikationsansätze bspw. in offene
und versteckte, feindselige, instrumentelle und affektive oder psychische
und physische Gewalt nicht unerwähnt bleiben (Heckhausen 1980, 350,
Miethling 1996, 19). Angesichts dieser Definitionsvielfalt und Begriffsunschärfe
werden im folgenden - analog zu anderen Autoren - die Termini "Gewalt"
und "Aggression" synonym verwendet.
Der aktuelle Forschungsstand läßt sich folgendermaßen
skizzieren:
Hinsichtlich schulischer Gewalt ließ sich bis Anfang
der neunziger Jahre eine generelle Gewaltzunahme anhand empirischer Daten
nicht sicher belegen. Hauptgrund hierfür sind uneinheitlich verwendete
Definitionen und Operationalisierungen sowie das fast völlige Fehlen
gesicherter Längsschnittstudien. Ein vorsichtiger Vergleich empirischer
Studien der neunziger Jahre deutet jedoch auf eine leichte bis mäßig
steigende Tendenz schulischer Gewalt hin (Hurrelmann 1991, 106, Möller
1991, 110, Schubarth/Melzer 1993, 41, Ferstl et al. 1993, 39). Neuere
empirische Längsschnittdaten, von denen die folgende exemplarisch
erwähnt werden soll, stützen diesen Befund: So wurden Schüler
und Schülerinnen der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen hinsichtlich
ihrer eigenen Gewalt- und Kriminalitätshandlungen befragt. Die Selbstangaben
zeigen, daß zwischen 1986 und 1994 zum einen der Anteil der Schüler
und Schülerinnen gestiegen ist, die innerhalb eines Jahres mindestens
eine Gewalttat ausgeführt haben. Zum anderen läßt sich
auch ein Anstieg der insgesamt pro Schüler respektive pro Schülerin
durchgeführten Gewalttaten feststellen. Dabei haben sich frühere
Unterschiede zwischen Schülern und Schülerinnen verschiedener
Schultypen mittlerweile fast nivelliert (Mansel, 1995, 101ff).
Im anteilig sehr kleinen Bereich hochaggressiver physischer
Gewalthandlungen sei dagegen eine überdurchschnittlich starke Zunahme
an Brutalität - sowohl quantitativ als auch qualitativ - zu beobachten
(Ferstl et al. 1993, 12ff, Hurrelmann 1991, 106ff.) "Es wird weitergeschlagen
und -getreten, auch wenn das Opfer schon kampfunfähig am Boden liegt.
Vermehrt werden auch Waffen und Waffenähnliche Gegenstände eingesetzt.
Die Täter kennen keinen Ehrenkodex mehr, der die Opfer bis noch vor
einigen Jahren vor grenzenloser Brutalität schützte" (Freitag/Hurrelmann
1993, 24).
Eine besonders gewaltauffällige Subgruppe ist diejenige
der 13-14jährigen männlichen Schüler (Ferstl et al. 1993).
>>>weiter
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